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Patenschaftsprojekt des ZAVD in Gütersloh trägt Früchte

  • 22. Mai 2017

Interview: Junger Assyrer startet durch Integrationsprojekt Studium an der Universität Bielefeld

Seit letztem Frühjahr wird vom Zentralverband der Assyrer e.V. (ZAVD) das Patenschaftsprojekt durchgeführt. Hierbei kooperiert der ZAVD als Hauptträger des Projektes auf Bundesebene mit dem Deutschen Roten Kreuz. Bei dem Projekt werden Geflüchteten Paten an die Seite gestellt, die sie durch alltägliche Lebenssituationen begleiten. Im Interview berichten Ornamo (Geflüchteter) und Naramsin (in Deutschland geborerener Assyrer) gemeinsam von Ihren Erfahrungen mit dem Projekt und dem Ankommen hier in Deutschland.

Zur Person

Ornamo Barsom ist 22 Jahre alt und stammt aus der assyrischen Stadt Qamishli in Syrien. Vor weniger als drei Jahren ist Ornamo gemeinsam mit seiner Familie nach Gütersloh gekommen. Von Anfang an wurde die Familie von Mitgliedern des Mesopotamien Vereins Gütersloh und dem Zentralverband der Assyrer e.V. hier in Deutschland aufgenommen. Durch seinen Paten Naramsin Hanna (20 Jahre) und das Patenschaftsprojekt konnte Ornamo ein Lehramtsstudium mit Deutsch als Fremdsprache an der Universität Bielefeld beginnen.

Naramsin Hanna ist in Deutschland aufgewachsener Assyrer und gelernter KFZ-Mechaniker. Er ist sehr engagiert in der Ehrenamtsarbeit beim Mesopotamien Verein Gütersloh und bekleidet das Amt des ersten Vorsitzenden der Assyrischen Jugendgruppe Gütersloh.

ZAVD: Unter welchen Umständen sind Du und Deine Familie hier nach Deutschland gekommen?

Ornamo: Als wir vor fast drei Jahren nach Gütersloh kamen, war es wegen des Krieges in Syrien. Uns blieb keine andere Möglichkeit als die Flucht. Wir mussten alles zurücklassen, nichts ist uns von dortgeblieben. Gerne denke ich zurück an meine alte Heimat. Besonders schön dort sind die assyrischen Dörfer, weil jeder dort jeden kennt. Wir alle sind dort wie eine große Familie gewesen.

ZAVD: Wieso seid ihr hier nach Gütersloh gekommen und nicht in eine andere Stadt in Deutschland gegangen?

Ornamo: Wir hatten bereits in unserer Heimat davon erfahren, dass hier in Gütersloh sehr viele Assyrer sind und auch eine Organisation der Assyrer (der ZAVD). Deshalb haben wir uns für diese Stadt entschieden. Den ZAVD und auch den Mesopotamien Verein Gütersloh, das muss ich zugeben, habe ich hier vor Ort erst richtig kennengelernt. Besonders durch Naramsin Hanna meinen Paten, weiß ich jetzt genau, was der Verband und der Verein machen. Naramsin hat mich auch oft mit zu Veranstaltungen vom ZAVD und dem Verein genommen, wie zum Beispiel diversen Jungendtreffen.

ZAVD: Seit wann nimmst Du am Patenschaftsprojekt teil?

Ornamo: Ich nehme seit Juli am Patenschaftsprojekt teil. Seitdem konnte ich die deutsche Sprache intensivieren. Ich bin froh, dass es hier den Verein und den Verband gibt. Zudem freue ich mich sehr, dass ich hier so toll integriert wurde und dadurch viel über Deutschland lernen konnte.

ZAVD: Was hat Dir der direkte Kontakt zu deinem Paten und zu anderen hier in Deutschland gebracht?

Ornamo: Ich konnte Deutschland und die Verhaltensweisen hier durch Naramsin besser kennenlernen, insbesondere auch durch den Kontakt zu den hier lebenden Assyrern und anderen. Ich kann mich noch ganz genau an eine Situation erinnern, die mich als ich noch neu hier in Deutschland war, sehr verwirrt hat: Nachdem ich auf dem Weg nach Hause von meinem Deutschkurs war und das zu Fuß schrie mich auf einmal ein Fahrradfahrer an. Ich wusste nicht so recht, was ich gemacht hatte. Heute weiß ich es, ich lief auf dem Fahrradweg. Ich war völlig entsetzt, als ich weiter nach Hause lief und konnte mich gar nicht beruhigen, die Situation war sehr schlimm für mich, wollte ich doch von Anfang an alles richtig hier in Deutschland machen.

Jedoch hat mich die damalige Situation sehr stark geprägt. Am meisten machte mir damals zu schaffen, dass ich in dem Moment auch überhaupt nicht wusste, was los war, weil ich die Sprache nicht so gut konnte. Zuerst hatte ich mir vorgenommen langsam die Sprache zu lernen, aber von da an stand für mich fest, ich muss die deutsche Sprache unbedingt schnell und richtig gut lernen. Ich wollte hier in Deutschland nie mehr in solch eine Situation kommen. Als ich dann wegen des Patenschaftsprojektes angesprochen wurde und Naramsin kennenlernte, konnte ich ihn auch noch bei ein paar ähnlichen Situationen um Rat fragen, das war super für mich.

ZAVD: Wieso hast Du Dich dafür entschieden als Pate beim Patenschaftsprojekt mitzumachen?

Naramsin: Ich habe ja bereit auch schon das Ehrenamt des Vorstandsvorsitzenden bei der assyrischen Jugendgruppe hier in Gütersloh inne. Als ich von Eurem Projekt hörte, fand ich die Idee, die da hinter steht, nämlich jemanden direkt zu helfen und richtig an die Hand zu nehmen einfach gut.

ZAVD: Wie hast Du Ornamo bei dem Spracherwerb hier in Deutschland unterstützt?

Naramsin: Anfangs, also seit Juli, habe ich Ornamo deutsche Begriffe in der Assyrischen Sprache erklärt. Er war allerdings bereits gut vorbereitet und wusste schon viele Begriffe und schaute sie selbst nach. Zudem haben wir fast täglich, immer dann, wenn wir uns getroffen haben, auch Satzstellungen gelernt. Mittlerweile reden wir – irgendwie ist es schon komisch – viel mehr Deutsch miteinander.

ZAVD: Hast Du Ornamo auch in die Vereinsstrukturen beim Mesopotamien Verein Gütersloh reingebracht?

Naramsin: Ja, na klar. Nachdem ich Ornamo kennengelernt habe, habe ich Ihn hier mit in das Vereinshaus genommen, so konnte er immer mehr Jugendliche und Mitglieder kennenlernen.

ZAVD: Wie empfindest Du die Ehrenamtlichen hier beim ZAVD und hast Du auch mittlerweile eine Funktion im Mesopotamien Verein?

Ornamo: Die Mitglieder des Vereins und auch die Mitarbeiter und Ehrenamtlichen vom ZAVD nehmen einen extrem gut auf, ich habe hier das Gefühl von Familie und Heimat. Ich fühle mich hier in Deutschland durch sie nicht mehr fremd. Mittlerweile bin ich auch ehrenamtlich im Jugendvorstand hier in Gütersloh tätig. Für dieses Jahr haben wir viele Aktivitäten für Jugendliche geplant, zum Beispiel Jugendtreffs, oder auch Jungendcamps. Zudem wollen wir vielen neuen Geflüchteten hier auch deutsche Kulturstädte zeigen und haben unteranderem eine Reise nach Berlin geplant.

ZAVD: Wie sieht dein Umfeld an der Universität Bielefeld aus und was hast Du in Syrien gemacht?

Ornamo: An der Uni Bielefeld bin ich in Kontakt mit vielen anderen internationalen Studierenden, aber ich bin bisher der einzige Assyrer, der in unserem Jahrgang dort studiert. Wenn ich fragen zum Studium habe, frage ich meine Kommilitonen oder auch meine neuen deutschen Bekannten.

In Syrien habe ich auch studiert, allerdings eine ganz andere Richtung, und zwar BWL. Aufgrund des Krieges war es mir allerdings nicht möglich, in Syrien weiter zu studieren. Wir waren gezwungen zu fliehen. Alles, was ich aus Syrien mitnehmen konnte, war mein Abiturzeugnis, dies wurde mir auch hier in Deutschland anerkannt. An die Unterlagen meiner alten Universität bin ich leider nicht rangekommen. Hier in Deutschland musste ich zudem eine Deutsch als Fremdsprache-Prüfung (DaF-Prüfung) ablegen, das war für mich als Nichtmuttersprachler Voraussetzung für das Studium hier in Deutschland.

ZAVD: Würdest Du sagen, dass Du durch die Kontakte beim Patenschaftsprojekt schneller Deutsch gelernt hast und auch die Kultur besser kennenlernen konntest?

Ornamo: Durch den Kontakt zu meinem Paten Naramsin, der mittlerweile ein wirklich guter Freund ist, habe ich schneller gelernt, was wirklich wichtig hier in Deutschland ist, insbesondere in Bezug auf die Bildung und auf einen späteren Job. Bei Behördengängen war Naramsin immer an meiner Seite und hat mich begleitet. Das hat mir immens geholfen.

ZAVD: Welche Vorteile hatte für Dich der direkte Kontakt zu hier in Deutschland lebenden Menschen? Was fällt Dir in diesem Zusammenhang zum Stichwort Integration ein?

Ornamo: Durch das Patenschaftsprojekt kann man sich auf alle Fälle schneller integrieren. Um ehrlich zu sein, unterstütz es einen extrem, also vielleicht habe ich auch Glück mit meinem Paten, aber durch das Programm viel es mir leicht mich im Bildungssystem hier in Deutschland, gerade auch in Bezug auf die Uni, zurechtzufinden. Ich kann nur jedem dazu raten, denn wenn man Hilfe braucht, erfährt man sie hier durch den Paten.

ZAVD: Was würdest Du zukünftigen Geflüchteten in Bezug auf das Patenschaftsprojekt sagen wollen?

Ornamo: Wenn man aus dem Ausland kommt, darf man keine Scheu haben und wenn man sich auf die Leute hier in Deutschland einlässt, ist alles viel einfacher. Ohne die Hilfe beim Patenschaftsprojekt, die Aufnahme durch den ZAVD und den Verband wäre ich nie an dem Punkt, an dem ich heute bin. Wir sind extra nach Gütersloh gekommen, weil wir wussten, dass hier viele unserer Landsleute leben. Das macht unser Leben jeden Tag einfacher, weil am Anfang muss man sich vorstellen, weiß man nichts, man kommt in eine fremde Welt und soll von jetzt auf gleich alles wissen – zumindest hatte ich das Gefühl. Durch unsere Landsleute, fühlte ich mich gut aufgehoben und irgendwie von Anfang an zu Hause.

Das Patenschaftsprojekt ist ein sehr gutes Projekt, um sich hier zurechtzufinden, man bekommt schnelle Hilfe und hat eine Vertrauensperson. Man wird auf alle Fälle durch das Projekt schneller integriert.

ZAVD: Kannst Du Dir vorstellen auch in der nächsten Generation, also in einem Jahr selbst eine Patenschaft zu übernehmen?

Ornamo: Auf jeden Fall! Ich helfe gerne, und da ich selbst erlebt habe wie gut und wichtig es für jemanden ist hier vor Ort Hilfe zubekommen, würde ich so etwas auch gerne weitergeben. Ich weiß ja jetzt schon über vieles Bescheid. Zudem fühle ich mich bereits jetzt in der Lage neue Geflüchtete zu Behörden zu begleiten – das sollte ich jetzt hinkriegen. Formulare auszufüllen oder so etwas, das kann ich nun echt gut.

Das Interview führte Sabrina Schluckebier, Patenschaftskoordinatorin beim ZAVD.